State of the Art(s) – Ostberlin Androgyn

Wir treffen uns am Theater an der Parkaue, unweit der Frankfurter Allee, die Lichtenberg und Friedrichshain mehr verbindet als trennt. Und das obwohl Gregor Easy und Kanye Ost, die beiden Rapper von Ostberlin Androgyn ursprünglich aus Neu-Hohenschönhausen kommen, wo sie sich am Prerower Platz auch zum ersten Mal begegnet sind. Beim Fußball. Aber das ist beiden erst viel später wieder eingefallen.

Die Parkaue mit der kleinen Open Air Bühne und der seltsam geometrischen Form der wahrscheinlich unbequemsten Zuschauerbänke in ganz Berlin ist aber auch ein Lichtenberger Ort, mit dem sie einiges verbinden. Denn um 2005/2006 herum haben sie hier antifaschistische Festivals organisiert. Dieser Widerstand gegen rechte Denk- und Handlungsmuster ist etwas, das die beiden seit ihrer Kindheit begleitet. Früher ganz konkret in Form von Gewalt und Bedrohung durch Nazis in der Schule und in der Freizeit. Heute bei der Frage, wie stark diese Denk- und Argumentationsmuster in die Parteienlandschaft hineinreichen.

Aber das ist an diesem sehr kalten Dezember-Abend unserer Dreharbeiten nicht das vordergründige Thema der beiden, die mit DJ und Produzentin Spoke als Ostberlin Androgyn gerade ihre erste Zusammenarbeit mit dem Label Audiolith unterschrieben haben. Die Arbeit an den ersten Singles, ihrer Veröffentlichung und vielen Festival- und Clubkonzerten stand eigentlich auf dem Zettel für 2020. Dann kam der Stillstand und die Arbeit an den Tracks und den selbst gemachten Band-T-Shirts (zuhause bei Gregor Easy wird noch selbst Hand angelegt an der Siebdruck-Maschine) rückte in den Vordergrund. Ebenso wie das Sofa, das sie als probate Waffe im Kampf gegen die Pandemie ausgemacht haben.

„Im Zweifelsfall ist es eben auch OK, auf dem Sofa zu chillen und sich von dem Wahnsinn da draußen fernzuhalten“, sagt Kanye Ost. Sogar die wenigen Einladungen zu corona-kompatiblen Konzerten und Festivals haben sie intern heftig diskutiert. „Alle Veranstalter haben sich riesige Mühe gegeben und Abstandshalter beim Tanzen genau markiert“, erinnert sich Kanye. „Aber trotzdem denkt man natürlich im Vorfeld sehr genau darüber nach, ob man das machen soll oder nicht.“

Mittlerweile ist die kleine Parkbühne ordentlich eingenebelt. Ein paar bunte, flackernde Scheinwerfer machen den Nebel undurchdringlich und gaukeln die schöne Illusion vor, dass sich dahinter wirklich eine Bühne verbergen könnte. Ist aber nicht so. Stattdessen sitzen Gregor Easy und Kanye Ost heute Nacht ausnahmsweise mal selbst auf den Zuschauerplätzen, versuchen sich mit kaltem Bier und dicken Rauchwaren warm zu halten. Dabei scheitern sie grandios und nennen sich seither Gregor Freezy und Kanye Frost. Musikersein im Winter 2020 hat eben doch viel mit Aushalten zu tun.

 

Foto: Jim Kroft