State of the Art(s) – Mau Mushi

Roxy, die sich als Performerin Mau Mushi nennt, hat uns in den Fennpfuhl-Park eingeladen, der nicht nur im Sommer ein ganz besonderer Ort für sie ist. Eingerahmt von vielen Hochhäusern bietet der Park ein kleines Stück Weite und selbst im November noch einen Ort für ein kleines türkisches BBQ. Über allem steht wie ein Icon, wie ein Monolith das große Hochhaus vom Anton-Saefkow-Platz, das sich in der Abenddämmerung aufbrezelt und leuchtet wie ein rechteckiger, gigantischer Weihnachtsbaum, der sich im Wasser des Fennpfuhls spiegelt.

An diesen Ort bringt die Musikerin, Rapperin und Produzentin ihre Sehnsucht mit: „Ich vermisse am meisten die Nacht, den Tanz“, antwortet sie auf die Frage, was für sie der größte Verzicht oder Verlust in Corona-Zeiten ist. „Für mich sind das wichtige Rituale, die zu meiner Kultur gehören. Für mich ist es das gleiche, wie es für andere Leute ist, in die Kirche zu gehen. Ich kann mir ganz schwer ein Leben vorstellen, ohne eine Nacht, in der ich tanzen kann. Für mich ist das wirklich eine spirituelle Praxis. Die Vorstellung, dass einem das weggenommen werden könnte, ist total beängstigend.“

Eine Kirche gibt es in der Tat auch am Rand des Fennpfuhl-Parks. Aber einen Club natürlich nicht. Deshalb bauen wir ihn an diesem Abend. Mit ein paar Stroboskop-Lichtern. Mit viel Nebel. Und mit einer kleinen Boombox, aus der Roxys zweite Single… ehrlich gesagt eher scheppert als wummert. Aber das allein reicht schon aus, um eine Veränderung in der Frau auszulösen, die vor über sieben Jahren nach Lichtenberg in die Häuser am Weißenseer Weg gezogen ist.

Eine Veränderung, die äußerlich durch Outfitwechsel von Job-Klamotten (sie arbeitet bei der Musiktechnologie-Firma Ableton) zu Nacht-Klamotten ebenso skizziert wird wie durch einen inneren Wandel. Die Frau, die vorher im Gespräch sehr nachdenklich und mit Widersprüchen ringend gewirkt hat, findet sich, geht aus sich raus und lässt sich auf die Illusion ein, wird zu dem Nachtgeschöpf, das sie in den Monaten seit Beginn der Pandemie nicht mehr sein konnte, weil die Clubs geschlossen, die Festivals abgesagt sind und damit ein wichtiges Stück Kultur und Zuhause fehlt.

Aber auf diese Situation reagiert auch sie nicht mit Trotz und Ablehnung: „Ich will nicht darüber spekulieren, welche Maßnahmen da jetzt besser gewesen wären oder wie man das hätte anders machen können. Da sitzen Leute dran, die sich wirklich Mühe geben, das vernünftig für alle zu lösen. Und dass sie Fehler in einer solchen Situation machen, ist irgendwie auch verzeihlich. Denn das ist eine Wahnsinnsaufgabe.“

Foto: Jim Kroft