State of the Art(s) – Hung Manh Le & Hoa Phuong Tran

Ausnahmsweise ist es mal gut, dass die Schostakowitsch-Musikschule an diesem Vormittag keinen Aufführungsraum mit schicker Bühne und sanft ansteigenden Zuschauerrängen zur Verfügung hat. Das werden die Lehrenden und die Lernenden vielleicht anders sehen – aber mit einem schicken und filmisch gut zu inszenierenden Raum wären wir nie auf die Idee gekommen, das kleine Konzert von Hung Manh Le und seiner Frau Hoa Phuong Tran im Treppenhaus der 1907 als Knaben-und-Mädchen-Gymnasium gebauten Schule zu filmen. Und ohne diese Idee wäre es niemals dazu gekommen, dass man plötzlich auf allen Gängen, in allen Etagen die fernweh-auslösenden und doch irgendwie vertrauten Klänge der vietnamesischen Instrumente Dan Bau, der einsaitigen Zither, und der Dan Tranh, der Wölbbrettzither, hätte hören können.

„Lichtenberg ist ein bisschen wie Klein-Hanoi“, sagt Herr Le und lacht. „Hier können wir alles kaufen und hier fühlen wir uns wohl. Die Plattenbauten kennen wir schon aus Hanoi und aus der damaligen Sowjetunion, wo wir auch mal gelebt haben.“ Das Ehepaar hat tatsächlich eine Ausnahmestellung. Denn sie sind die bundesweit einzigen Musikschullehrer*innen für vietnamesische Musik. Und die Schostakowitsch-Musikschule ist der einzige öffentliche Ort, der solche Kurse anbietet. Eine Besonderheit, die aber angesichts der vielen Menschen mit vietnamesischen Lebensläufen in Lichtenberg nur folgerichtig ist.

Und so wie die Musik trotz ihrer Komplexität sofort die Seele berührt, wie sie durch das Gebäude zu fließen scheint und immer mehr Menschen zum Ort lockt, wo Hung Manh Le und Hoa Phuong Tran an diesem Freitagvormittag spielen, so gewähren uns die beiden auch immer mehr Einblicke in ihre Seelen, die von der Sorge um die Pandemie bewegt werden. „Ich halte mich eigentlich für einen starken Menschen“, sagt der Lehrer und Musiker. „Aber manchmal wache ich nachts auf und frage mich, wie es weitergehen soll mit dieser Krankheit und mit unserem Leben.“

Ihnen sind alle Auftritte für ihr Lotusensemble abgesagt worden, mit dem sie schon für den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler gespielt haben und insbesondere in der Vorweihnachtszeit normalerweise sehr viele Konzerte hätten. Das hat ihnen Angst gemacht. „Aber wir wollten nicht die Zeit verlieren.“ Deshalb haben sie sich seit März weitergebildet, sich noch intensiver mit ihren Instrumenten beschäftigt und Hoa Phuong Tran hat endlich die Musik aufgenommen, die sie schon immer aufnehmen wollte.

Die beiden verbringen jede nur mögliche Minute miteinander. Sie sind sehr eng, die Liebe zueinander und zur Musik verbindet sie so augenscheinlich, dass es tief berührt. Vor 40 Jahren haben sie sich kennengelernt. Seit 35 Jahren sind sie zusammen. Warum? „Es war einfach so. Kein Geheimnis.“, sagt Herr Le. „Wir lieben uns. Und jetzt haben wir Enkelkinder.“ Und diese Kinder und Enkelkinder sind wiederum der Grund, warum sich die beiden so intensiv, so vorsichtig und oft auch so sorgenvoll mit der Corona-Pandemie auseinandersetzen: „Wir sind Musiker und deshalb sind die abgesagten Konzerte natürlich ein großer Schaden für uns. Aber wir sind auch Eltern. Und wir sind auch Oma und Opa. Deshalb haben wir eine große Verantwortung.“

Von ihrem Unterrichtsraum in der Schostakowitsch-Musikschule schauen die beiden täglich auf einen Regenbogen, der fast schon so etwas wie ein Symbol für Lichtenberg geworden ist. Er leuchtet auf der Fassade der sogenannten Regenbogen-Häuser und ist für Herrn Le ein Zeichen für das neue Lichtenberg: „Für mich sind Regenbögen ein Glückszeichnen und ein Zeichen der Hoffnung – wie eine Brücke zwischen Menschen, auch zwischen den Menschen mit verschiedenen Farben. Das heißt, egal ob man aus Afrika, Asien oder Europa kommt – hier lebt man zusammen. Lichtenberg ist bunt.“

Foto: Jim Kroft