On y va! Die Fête de la Haus-Musique als digitale Krisenreaktionsalternative

Wer hätte das vor sechs, vor acht Wochen gedacht: Berlin kommt am 21.6. mit über 100 geplanten und live gestreamten Konzerten zur Fête de la Haus-Musique aus der Einsamkeit des Lockdowns. Obwohl die notwendigen Corona-Maßnahmen ein Großereignis wie die Fête eigentlich unmöglich machen, wird Berlin am Sonntag vibrieren und zeigen, was es kann. Diese kreative Kraft der Stadt und ihrer vielen Musikfans beeindruckt mich jeden Tag – und wenn es derzeit mal gelingt, kurz von der unerwartet geschäftigen Planungsarbeit Abstand zu nehmen und auf das zu schauen, was wir in den letzten Wochen gemeinsam mit vielen, vielen Menschen auf die Beine gestellt haben, bin ich sprachlos:

Weit über 30 Streamingangebote mit mehr als 100 Konzerten, Musik auf Hausdächern, Balkonen, Bussen und Fahrrad-Rikschas. Ein europäischer Stream, an dem 13 Städte von Manchester bis Istanbul beteiligt sind. Ein gemeinsames Zeichen für die Musik und für die Notwendigkeit, kreative Berufe zu sichern, das wir mit dem Deutschen Musikrat, dem SOMM und vielen anderen Verbänden zum Tag der Musik nach draußen schicken. Und dazu ein reger Austausch und eine gemeinsam gesungene „Ode an die Freude“, die in weit über 50 Städten in Deutschland am 21.6. erklingt.

Die meisten von uns hatten bis dahin bestenfalls sehr oberflächliche Erfahrungen mit Livestreams und dachten – wie ich: 1 x Handy draufhalten, Facebook-Live anschalten, zur Watch-Party aufrufen und gut is‘. Is‘ ja auch, aber es geht noch besser. Und so haben wir eine Art Livestream-Bootcamp eröffnet, uns jeden Mittwoch mit über 30 Partner*innen im Internetz getroffen und gemeinsam erarbeitet, wie man so eine Riesenparty ins Netz bringen kann – innerhalb von 6 Wochen. Ein Wahnsinn. Aber einer, der uns allen großen Spaß gemacht und ein Ziel gegeben hat, auf das wir hinarbeiten können.

Das alles kann natürlich nicht das Live-Erlebnis eines „echten“ Konzerts mit Publikum und Nähe ersetzen und die kostenfreien Musikangebote im Netz sind keine dauerhafte Lösung, um die Existenz der Künstler*innen und Veranstalter*innen zu sichern. Hier kann die Fête de la Musique einen Tag lang bestenfalls darauf aufmerksam machen, wie wichtig die Musik als emotionales Grundnahrungsmittel ist, wie groß ihre Bedeutung ist, Menschen ein Ziel zu geben, auf das sie hinarbeiten können und ein gemeinschaftliches Erlebnis zu geben. Wir können das Thema in die Öffentlichkeit bringen und darauf hinweisen, wie wichtig Aktionen wie die Night of Light ist, die einen Tag nach der Fête deutschlandweit stattfindet und auf die existenzbedrohende Situation der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam macht.

Die Kreativen können und wollen gar nicht anders, als die Bühne zu suchen, auf der sie ihre Kunst darstellen und veröffentlichen können. Das ist einerseits ein Segen, denn so stiften sie Sinn, so sorgen Musiker*innen dafür, dass wir in diesen Tagen nicht nur Nachrichten über die Pandemie und andere Krisen in unsere Timelines gespielt bekommen. Aber für sie selbst kann es auch ein Fluch sein, denn ein Leben lässt sich so dauerhaft nicht bestreiten. Die Kreativen und die Künste brauchen unsere Unterstützung, brauchen dauerhaft eine Situation, die ein kreatives (Berufs-)Leben ermöglicht und sichert. Die Fête de la Musique kann die Vielfalt der Musikszene in Berlin aufzeigen – und sie kann eine Vorstellung davon geben, wie bedrückend still die Stadt wäre, wenn es diese Kreativität nicht mehr gäbe. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass es eine Zukunft für die Vielfalt der Musik(en) und der Künste gibt. Lasst uns den 21.6. anständig – und mit Abstand – als das europäische Fest der Musik begehen und für die Zukunft kämpfen.