Der Mann, der uns allen etwas voraushat

Der Mann, der uns allen etwas voraushat. Einer der einflussreichsten Musiker Afrikas. Der Vater des Ethio-Jazz. Am Sontagabend tanzten trotz Sonnenschein 750 Besucher, inklusive dem Fachhandel für Ereignisse, auf Reggae-Jazzmelodien des dreiundsiebzigjährigen Stars Mulatu Astatke. Die Schlange vor dem Gretchen ging bis zum Mehringdamm und viele Nachzügler versuchten mit selbstgemalten Schildern verzweifelt noch ein Ticket zu bekommen. Warte mal: wer, was? Woher kommt denn dieser Star?

Die Roots des Ethio-Jazz gehen zurück in das Jahr 1958, als der Äthiopier mit 16 Jahren nach London zog um Luftfahrttechnik zu studieren. Lang dauerte das Studium aber nicht. Zügig wechselte der junge Mulatu auf das Trinity College of Music und lernte dort Klavier, Klarinette, Vibrafon und Harmonielehre. Anschließend verschlug es ihn nach Boston, wo er als erster Afrikaner an der Musikhochschule Berklee College Jazz studierte und danach mit seinem Ethiopian Quintett nach New York ging.

1969 kehrte Mulatu mit allen systematischen, westlichen Kenntnissen über Musik und insbesondere über den Jazz in seiner Heimat zurück und kreierte etwas völlig Neues, er erfand den Ethio-Jazz. Er kombinierte die zwölftönigen Harmonien der westlichen Jazzmusik mit fünftönigen Melodien der traditionellen äthiopischen Musik. Mehrere Plattenveröffentlichungen und Kooperationen mit Musikern in Äthiopien und den USA – darunter Duke Ellington – folgten.

Nicht lange danach wurde der äthiopische Kaiser Haile Selassie I. von der kommunistischen Militärdiktatur gestürzt, hinter der auch Offizier Mengistu steckte. Ein Ausgangsverbot wurde verhängt, Liedtexte wurde pedantisch zensiert, Vinyl wurde ganz verboten und jeder ausländische Besucher wurde akribisch auf lokal gekaufte Kassetten gefilzt. Die Folge war verehrend: Viele Musiker wanderten in die USA und nach Europa aus.

Mulatu aber blieb. Er unterrichtete und machte weiter Musik, aber seine Produktionen wurden eingestellt und sein Groove von der Außenwelt vergessen. Ende der Achtziger kam jedoch das Global Music Centre aus Helsinki Mobile in die Hauptstadt Addis Abeba, um eine Platte mit den lokalen Bands Ethio Stars und Tukul Band aufzunehmen: Addis 1988. Ethio Stars kombinierten amharisch Liebeslieder mit rockigem Soul und Reggae, während Tukul Band die traditionelle Krar, ein Zupfinstrument mit fünf oder sechs Saiten, benutzte. Mulatu wurde künstlerischer Leiter, Komponist, Hersteller und musizierte mit. Es war 1992, als die Berliner Kollegen vom Weltmusik-Label Piranha Records die Platte erstmals im deutschsprachigen Raum veröffentlichten. Ende der Neunziger brachte das Label Buda Musique erneut alte Aufnahmen auf CD heraus und begeisterte Mulatu zunehmend auch Fans außerhalb Äthiopiens.

Aber wann wurde Mulatu dann in Europa zum Star? Anfang dieses Jahrhunderts arbeitete er international mit dem amerikanischen Either-Orchestra zusammen, aber der große Durchbruch kam erst, als Jim Jarmusch 2005 Mulatus Musik für seine Tragikomödie Broken Flowers nutzte. Mittlerweile tourt Mulatu mit sechsköpfiger Band durch die Welt. Der Mann wusste schon längst, wie Kulturen aus unterschiedlichen Teilen der Welt musikalisch zusammenkommen. Ohne Berührungsängste hat Mulatu Astatke einfach gemacht, woran er glaubte.

Angesichts der vielen euphorischen Besucher des Konzertes in Berlin am letzten Sonntag, bringt Piranha Records am 19. Mai eine remastered Version der Platte Addis 1988 heraus, und zwar auf der unter dem Mengistu-Regime gesetzeswidrigen 180-Gramm-Vinyl. Inklusive Download-Code, den Mengistu bestimmt auch verboten hätte.

Das Konzert fand am 9. April im Gretchen statt und wurde präsentiert von hhv Records, Digital in Berlin, Piranha und XJAZZ.

Gewinnspiel:
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Unter allen Anmeldungen verlosen wir 2 Exemplare. Die Aktion läuft bis zum 19. April 2017 um 18 Uhr. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen. Viel Glück!