Gut in Groningen: House of Cooking

Im Januar erlebt Groningen wieder eine Reizüberflutung der Auskenner. Während des Eurosonic Noorderslag kommen die besten Booker der europäischen Festivalwelt zum Perlentauchen in die niederländische Studentenstadt, um die nächsten dicken Dinger für den Sommer zu entdecken. Alle haben natürlich alles in allen Facetten gesehen, gehört, erlebt und würden selbst dann nicht mit zartem Zucken der Augenbrauen oder Fußspitzen ihr Interesse zu erkennen geben, wenn eine Next-Gen-Kombi aus Rihanna und den Beatles in einem der Clubs spielen würde, die hier Huize MaasDe Spieghel oder Vera heißen.

Neben den Branchenprofis schlendern, rennen und radeln 40.000 Festivalbesucher durch die sehenswerte Altstadt, die selbstredend von einem Grachtengürtel zärtlich umplätschert wird. Aber es gibt einen Ort, der als Insel der Beschaulichkeit in diesem Trubel geschäftigen Hörens und Handelns liegt: Das House of Cooking. Betrieben vom Ehepaar Sharon Carlin Doelwijt und René Braaksma.

Das Interieur ist mit Liebe aus den ortsansässigen Antik-Läden der günstigeren Preiskategorie zusammengestellt, die Küche ist offen und produziert herrlichste Gerüche, von denen man auch in den frühen Morgenstunden noch etwas hat, wenn man sich im Hotel der Jacke entledigt. Es gibt wenige Gerichte auf der Karte, diese aber sind exzellent ausgewählt, nach lokalen Rezepten und mit regionalen Zutaten gekocht und jedes einzelne wird von Sharon oder René persönlich vorgestellt, wenn man das möchte. Die Weine sind handverlesen und wer früh genug kommt (was zu Eurosonic-Zeiten sehr unwahrscheinlich ist), kann die Vorzüge eines niederländisch eingefärbten British High Tea genießen.

Zum zweiten Nachtisch gibt es dann: MUSIK. Natürlich. Denn Sharon und René sind Musik, lieben Musik, atmen Musik und haben zwei singende Töchter, die von Billie Holiday bis Amy Winehouse nicht nur repertoiresicher sind, sondern vergessen lassen, dass da noch ein doppelter Espresso auf dem Tisch dampft und getrunken werden will. Eine höchstens 15 Zentimeter hohe Miniaturbühne mit Piano gehört zur Standardausstattung im House of Cooking, das mit zweitem Vornamen Le Petit Theatre heißt, eine gute Adresse der Jazz-Szene ist, aber auch Krimi-Lesungen und kleinen Theaterstücken ein Forum bietet.

Mein schönster Abend im House of Cooking fing selbstverständlich mit einem komfortablen Menü an. Es war im Januar 2015 und der Abend wurde von der älteren Tochter musikalisch eröffnet, die Songs von Amy Winehouse und Soul-Standards sang, zu denen sie sich selbst am Klavier begleitete. Dann trat die vielleicht zehnjährige Schwester an das glänzende Retro-Mikrofon und sang sich durch Lieder von Ella Fitzgerald und dem American Songbook. Später trudelten einige Jazz-Musiker ein, starteten eine Session, während René fleißig Percussion-Instrumente und Gitarren an all jene Gäste verteilte, die mindestens mit dem Hauptgang fertig waren. Smartphones wurden gezückt, um die Texte von »Let It Be«»Hey Jude« und allen anderen 259 Karaoke-Klassikern parat zu haben und am Ende sang, tanzte und spielte das gesamte, wirklich das gesamte Restaurant –mit allen Booker-Größen Köchen und Service-Menschen.

Kein Showcase an diesem Abend. Der Festival-Sommer wurde trotzdem gut.