I don’t mind stealin’ bread – ein Nachruf auf Chris Cornell

Ich kann mich zwar nicht nicht mehr an den Namen des Senders erinnern, aber die Situation ist sehr präsent: tief in der Nacht, allein in der Wohnung. Kabelfernsehen war noch irgendwie neu und es lief ein komplett verstörendes, seltsam fastzinierendes Video. Ein Typ wird ans Kreuz geschlagen. Gemüse spielte eine Rolle. Psychedelische Farbfrickelei. Dann wieder Schwarz-Weiß. Und ein spirreliger Typ brüllt mit einer Stimme, die man niemals mit einem solchen Körper in Verbindung bringen würde: Chris Cornell. Jesus Christ Pose.

Der Song, der mich schlussendlich aus dem Posertum des Hairspray-Metal befreit und gezeigt hat, dass es neben Spandex und Stretch-Jeans auch andere Beinkleidung gibt. Schwere Schnürstiefel mussten her, Baggy Pants und die unvermeidlichen Holzfällerhemden. Bernd Begemann wurde zur Hassfigur, weil er meinte, wir würden uns für unsere Kinnbärte noch irgendwann schämen. Niemals! Und auf jeder Party: Jesus Christ Pose. Und später: Hunger Strike.

Wir bekamen mit, dass es eine laute, spröde, existentialistische, wahre Szene in Seattle gibt. Wir hörten den Namen Andrew Wood. Die erste Single von Pearl Jam. Und natürlich DAS Video auf MTV, das das Ende von Grunge schon in seinem Anfang trug. Aber das galt nicht für uns, denn wir hatten: Jesus Christ Pose.

Die ersten Tourneen, die ersten Konzerte. Ganz klein. Alle noch zum Anfassen: Pearl Jam in der Batschkapp. So nah an der Bühne, dass wir die Trikotnummern der Basketball-Figuren auf den Verstärkern lesen konnten. Soundgarden in Düsseldorf. Stagediving. Schweiß. Und wieder: Jesus Christ Pose.

Stagediving. Schweiß. Und wieder: Jesus Christ Pose.

Dann kamen die Stadien. Soundgarden und Faith No More als Support (!) von Guns’n’Roses in Würzburg. Gott hat geweint ob dieses Frevels und ein Gewitter geschickt, als wolle er ein für alle Mal Schluss machen mit Axl Popanz Rose. Chris Cornell bewahrte Haltung. Jesus Christ Pose gewissermaßen.

Ein einziges Mal hat er mich enttäuscht: bei diesem unsäglichen Record Release zu der Platte, für die er sich wahrscheinlich selbst geschämt hat. Der Moment, als ihm jemand eingeflüstert hat, er müsste Pop machen, um die Rente zu sichern. Und Klitschko als Background-Sänger auf die Bühne holen. Aber auch das haben wir überstanden.

Es bleibt die Achtung vor einem grandiosen Sänger, einzigartigen Songschreiber und – wie man von allen Menschen hörte, die ihm nahe waren – einem warmherzigen Menschen, der sich gekümmert und der Verantwortung übernommen hat. Wir werden ihn nicht vergessen.